Schreibdenken: Kreativer im Alleingang
Kreativitätstechniken sind super. Sie machen Spass. Vorausgesetzt, man hat einen Workshop, eine Moderatorin, ein paar Kolleg:innen, Post-its, genügend Wandfläche und idealerweise wenigstens zwei Stunden Zeit.
Dummerweise kommen die interessanten Fragen und Ideen selten genau dann. Und selten ist die Zeit da, das alles zu planen und die Menschen aufzubieten, die mitmachen können.
Und dann sitze ich vor Daten und frage mich: Warum sehen wir hier diesen Effekt? Die zu treffende Entscheidung ist knifflig. Eine Forschungsfrage entwickeln. Einen Standpunkt zu einem Thema finden. Oder für ein Problem endlich eine Idee haben, die weder banal noch trivial ist.
Und dann sitz ich da. Allein.
Für solche Situationen gibt es eine Kreativitätstechnik, die ich ausgesprochen gerne nutze: Schreibdenken.
Ich verwende sie seit Jahren selbst und mit Studierenden. Und der Effekt ist erstaunlich oft derselbe: Nach 15 Minuten schaue ich auf das, was da vor mir steht, und denke: Meine Güte. Ich bin ja genial.
Das klingt ein bisschen selbstverliebt. Ist aber eigentlich etwas anderes.
Schreibdenken macht Gedanken sichtbar, von denen ich vorher nicht wusste, dass ich sie hatte.
Schreiben leitet implizites Wissen aufs Papier
Wir lernen Schreiben als Produktionswerkzeug kennen. Erst denken, dann schreiben. Da ist ein Gedanke, und den bringen wir anschliessend möglichst ordentlich in Worte.
Beim Schreibdenken drehen wir das um: Wir schreiben, um überhaupt erst herauszufinden, was wir denken.
Schreiben wird damit zum Werkzeug zum Denken, Nachdenken und Vordenken. Implizites Wissen wird explizit. Assoziationen werden sichtbar. Gedanken können weitergedacht, kombiniert, verworfen oder zugespitzt werden.
Und vor allem: Der Text muss überhaupt nicht gut sein.
Das ist entscheidend.
Niemand wird ihn lesen. Rechtschreibung ist egal. Grammatik ist egal. Elegante Formulierungen sind egal. Und auch der innere Einwand «Das kann ich doch unmöglich so schreiben» bekommt für ein paar Minuten Sendepause.
Die Zensur wird vertagt.
Hier liegt ein wesentlicher Teil der kreativen Wirkung.
Ideen brauchen Bewegungsfreiheit
In meinem Artikel «Mehr bessere Ideen im Unternehmen» habe ich beschrieben, warum viele klassische Brainstormings erstaunlich harmlose Ergebnisse produzieren: Nur möglichst viele Ideen auszuspucken reicht nicht. Interessante Ideen entstehen dann, wenn wir bestehende Wissensstrukturen verlassen, ungewöhnlichere Verbindungen herstellen und Perspektiven wechseln.
Aber es liegt auch ein entscheidender, schlummernder Kern verschiedener Perspektiven in uns selbst. Weil wir lesen, uns austauschen, Erfahrungen machen. Es ist aber so viel, dass wir nicht spontan darauf zugreifen können.
Ausserdem hilft es, Ideengenerierung und Bewertung voneinander zu trennen. Wer eine Idee schon während ihrer Entstehung auf Realisierbarkeit, Vernünftigkeit und Präsentierbarkeit überprüft, erstickt ziemlich viel davon, bevor es überhaupt interessant werden kann.
Schreibdenken macht beides: die eigenen Perspektiven ansprechen und die Trennung von Generieren und Bewerten durch den Rhythmus der Technik.
Im ersten Moment geht es nicht darum, eine Lösung zu finden. Es geht darum, den Gedanken laufen zu lassen.
Ein Satz führt zum nächsten. Ein Begriff erinnert an einen Artikel. Der Artikel an eine Beobachtung. Die Beobachtung an ein Gespräch. Das Gespräch an einen Widerspruch. Der Widerspruch an eine Frage. Und plötzlich steht da etwas, das am Anfang der Übung noch überhaupt nicht da war.
Das Spannende daran: Der Impuls kommt aus dem eigenen Denken.
So geht Schreibdenken: der Fokussprint
Es gibt verschiedene Formen des Schreibdenkens. Eine Methode, die du sehr einfach ausprobieren kannst, ist das Schreibdenken.
Du brauchst Papier und Stift oder ein leeres digitales Dokument. Persönlich mag ich Papier, aber daraus würde ich keine Religion machen. Dennoch, versuch es mit Stift und Papier, das bringt die Gedanken viel besser zum Fliessen. Ich hab ein eigenes Notizbuch für mein Schreibdenken. Es ist genauso gut weggeschlossen wie andere ihre Tagebücher verstecken.
Dann:
Schritt 1: Thema oder Frage notieren (1-2 Minuten)
Schreib auf, worüber du nachdenken möchtest.
Zum Beispiel:
Warum brechen so viele Kund:innen unseren digitalen Beratungsprozess an genau dieser Stelle ab?
Oder:
Was denke ich eigentlich über den Einsatz generativer KI in der Beratung?
Oder schlicht:
Was könnte unser Produkt wirklich besser machen?
Schritt 2: Schreiben (5 Minuten)
Jetzt schreibst du alles auf, was dir einfällt.
Nicht strukturieren. Nicht korrigieren. Nicht zurücklesen.
Und vor allem: nicht aufhören zu schreiben.
Wenn nichts mehr kommt, schreibst du «Was noch?».
Und wenn danach immer noch nichts kommt, schreibst du eben noch einmal «Was noch?».
Irgendwann kommt etwas.
Schritt 3: Lesen, anstreichen und einen Kernsatz formulieren (2 Minuten)
Jetzt erst schaust du dir deinen kleinen Gedankenhaufen an.
Was überrascht dich? Was scheint wichtig? Wo steckt Energie drin? Welche Aussage zieht deine Aufmerksamkeit auf sich?
Formuliere daraus einen Kernsatz.
Schritt 4: Noch einmal schreiben (5 Minuten)
Der Kernsatz wird zur neuen Überschrift.
Und jetzt beginnt ein zweiter Sprint. Wieder fünf Minuten. Wieder ohne anzuhalten.
Schritt 5: Zuspitzen (2 Minuten)
Am Ende formulierst du daraus eine zentrale Aussage, eine Idee oder eine Frage – je nachdem, wofür du das Schreibdenken eingesetzt hast.
Der vollständige Fokussprint arbeitet genau mit diesem Wechsel aus freiem Schreiben, Verdichten und erneutem Assoziieren.
15 Minuten.
Kein Workshop. Keine Gruppe. Keine Post-its an einer Fensterscheibe.
Wo setze ich Schreibdenken ein?
Ich unterrichte Schreibdenken unter anderem, um Forschungsfragen zu entwickeln. Dafür eignet es sich hervorragend: Aus einem relativ grossen Themenfeld entsteht über das Schreiben zunächst ein interessanter Kern und daraus wiederum eine präzisere Frage.
Aber ich benutze die Methode längst für viel mehr.
Zum Beispiel, wenn ich mir über meinen eigenen Standpunkt nicht klar bin.
Dann schreibe ich als Überschrift:
Was denke ich eigentlich über …?
Das ist erstaunlich ergiebig. Gerade bei Themen, bei denen ich gleichzeitig gute Argumente für mehrere Positionen kenne, entdecke ich beim Schreiben oft erst, welche Aspekte für mich tatsächlich relevant sind.
Oder ich benutze Schreibdenken beim Interpretieren von Daten.
Angenommen, wir beobachten in einer Untersuchung ein unerwartetes Phänomen. Statt sofort eine Erklärung auszuwählen, schreibe ich:
Warum könnte dieses Ergebnis entstanden sein?
Und dann fünf Minuten alles, was mir dazu einfällt.
Das produziert noch keine wissenschaftlich belegte Erklärung. Natürlich nicht. Aber es produziert Ideen oder Thesen, denen ich anschliessend nachgehen kann, durch Prüfung in den Daten, Recherche oder Austausch.
Ich nutze es auch für Konzepte, Artikel, Vorträge, Produktideen und Entscheidungen.
Kurz: immer dann, wenn mein Problem nicht darin besteht, dass ich zu wenig weiss, sondern dass ich noch nicht weiss, welches von dem vielen Zeug in meinem Kopf interessant sein könnte.
Warum mich die Ergebnisse immer wieder überraschen
Das vielleicht Schönste am Schreibdenken ist dieser Moment beim Zurücklesen.
Da steht plötzlich ein Gedanke.
Nicht unbedingt fertig. Nicht unbedingt richtig. Vielleicht noch nicht einmal besonders vernünftig.
Aber neu.
Und ich weiss: Den hat niemand von aussen hineingegeben. Kein Chatbot, keine Kollegin, kein Kreativitätsworkshop.
Der war schon irgendwo da.
Ich hatte bloss vorher keinen Zugriff darauf.
Diese Erfahrung mache nicht nur ich. Viele Studierende, mit denen ich Schreibdenken durchgeführt habe, berichten nach der Übung von genau diesem Erstaunen über die eigenen Gedanken.
Besonders begeistert sind meiner Erfahrung nach häufig Menschen, deren Gedanken gerne springen. Menschen, die schnell assoziieren, gedanklich Abzweigungen nehmen und bei sehr stark strukturierten Methoden eher das Gefühl bekommen, ihre Gedanken wieder einfangen zu müssen.
Beim Schreibdenken dürfen die Gedanken erst einmal rennen.
Die Struktur kommt später.
Und was ist mit Mindmaps?
Natürlich funktioniert Schreibdenken nicht für alle gleich gut.
Es gibt Menschen, die ein Thema lieber zuerst vor sich ausbreiten: Hauptäste, Unterthemen, Eigenschaften, Beziehungen. Dafür sind Mindmaps wunderbar geeignet. Auch in meinem Unterricht gehören sie deshalb zu den Werkzeugen für die Themenentwicklung.
Der Unterschied liegt aus meiner Sicht in der Mechanik der Methoden.
Eine Mindmap fordert sehr früh Strukturierung: Wo gehört etwas hin? Was ist Oberbegriff, was Unterpunkt? Welche Eigenschaften hat etwas? Welche Aspekte fehlen?
Das ist ausgezeichnet, wenn ich mir einen Gegenstand erschliessen und einen Überblick schaffen möchte.
Für radikalere Ideen kann genau diese frühe Ordnung aber auch zum Nachteil werden.
Denn ich bewege mich zunächst innerhalb einer Struktur, die ich selbst bereits kenne.
Beim Schreibdenken passiert etwas anderes. Ein Gedanke darf einen weiteren auslösen, ohne dass ich vorher wissen muss, wie beide zusammengehören. Erst danach schaue ich auf das Material und suche den interessanten Kern.
Das könnte erklären, warum ich bei Schreibdenkübungen häufig überraschendere Ideen sehe als bei Übungen, die mit einer systematischen Sammlung von Eigenschaften beginnen. Das ist eine Beobachtung aus meiner Praxis, kein Beleg dafür, dass Schreibdenken grundsätzlich «besser» wäre.
Und genau deshalb würde ich auch nicht versuchen, alle Menschen von Mindmaps zu entwöhnen.
Die beste Kreativitätstechnik ist diejenige, die dein Denken in Bewegung bringt.
Wenn nichts Geniales kommt
Manchmal bleibt der erste Sprint banal.
Dann steht da all das, was man sowieso schon wusste.
Prima.
Dann ist das jetzt wenigstens aus dem Weg.
Beim nächsten Sprint kannst du eine Überschrift wählen, die dich etwas weiter wegführt:
- Was übersehe ich?
- Was könnte noch dahinterstecken?
- Was wäre das Gegenteil meiner bisherigen Erklärung?
- Was würde jemand behaupten, der völlig anderer Meinung ist?
Oder du streust beliebige Begriffe in deinen Schreibsprint ein und schreibst zum Beispiel «blau» oder eine andere Farbe, machst eine Pause, liest etwas, schlägst einen Begriff nach und startest danach noch einmal. Auch die Kombination mit Recherche oder anderen Kreativitätstechniken ist sinnvoll.
Kreativität entsteht nicht dadurch, dass wir uns möglichst verzweifelt vornehmen, jetzt kreativ zu sein.
Wir müssen unserem Denken Möglichkeiten geben, irgendwohin zu gelangen.
15 Minuten mit dir selbst
Vielleicht ist das der Grund, warum ich Schreibdenken so mag.
Die Methode braucht keine Vorbereitung. Keine Organisation. Und niemand anderes muss Zeit haben.
Papier reicht.
Ich kann damit eine Forschungsfrage suchen, Daten interpretieren, einen Konflikt durchdenken, meine Position klären oder Ideen für ein Produkt entwickeln.
Und das Geschriebene gehört mir.
Niemand muss es sehen. Niemand muss es bewerten. Niemand muss auch nur wissen, dass es existiert.
Das schafft einen seltenen Raum: einen Ort, an dem ein Gedanke unfertig, unvernünftig und widersprüchlich sein darf.
Und manchmal sitzt man 15 Minuten später da, liest, was man geschrieben hat, und denkt:
Meine Güte. Bin ich genial.
Probier es aus.
Vielleicht bist du es ja auch.
Referenzen und Weiterlesen
Scheuermann, U. (2016). Schreibdenken: Schreiben als Denk- und Lernwerkzeug nutzen und vermitteln. 3. Auflage, UTB. Die Publikation ist auch in den Lehrunterlagen als Grundlage zum Schreibdenken aufgeführt.
Schmidt-Rauch, S. (2022). Mehr bessere Ideen im Unternehmen. evux. Darin geht es ausführlicher darum, wie Perspektivenwechsel, Impulse sowie die Trennung von Ideengenerierung und -bewertung die Qualität von Ideen beeinflussen.